ETF 2019 – eine 6-Jahres-Analyse aus Leichtathletik-Sicht

Mit ein paar Wochen Abstand zum Eidgenössischen Turnfest (ETF) in Aarau bleiben einerseits viele schöne Erinnerungen haften, andererseits die nackten Zahlen, die Noten. Zwischen 8,38 und 9,48 lagen unsere Noten. Eine 8,00 wird von vielen Vereinen als unbefriedigend betrachtet. Erst ab 9,00 wird es gut, und erst ab 9,50 sogar sehr gut bis sackstark. Diese Ansicht teile ich persönlich. Aber die nackten Zahlen alleine sagen nicht alles aus, sie blenden die Umstände aus, wie die Note zustande kam. Zudem ist die Note eine Momentaufnahme und sagt nichts über die zeitliche Entwicklung und die Zukunftsaussichten einer Disziplin aus. Dafür braucht es eine kleine Analyse.

ATV PS80 ETF 2019

Mit 9,48 schaute die beste Note in der Pendelstafette 80 m heraus.

 

Vergleich mit dem Eidgenössischen in Biel 2013
Zwischen zwei ETF liegen sechs Jahre. Wie haben wir uns in dieser Zeit weiterentwickelt? Sind Junge dazugestossen oder sind heute noch immer die gleichen Leute Leistungsträger wie in Biel? Wie sieht sie Perspektive in den Disziplinen für das nächste ETF 2025 in Lausanne aus? Berechtigte Fragen, die sich ein Trainer stellen sollte.

Pendelstafette 80 m
Biel 2013: Note: 9,80 mit 8 Athleten (Durchschnittsalter: 28,1 Jahre)
Aarau 2019: Note: 9,48 mit 18 Athleten (Durchschnittsalter: 24,4 Jahre)

Die Sprinterinnen und Sprinter lieferten unsere Topnote in Aarau. Ohne die beiden Wechselfehler wäre sogar eine Note um 9,80 auf dem Notenblatt gestanden. Die Mischung aus routinierten und jungen Athleten hat mich positiv überrascht. Im Vergleich zu Biel stehen wir im Sprint eher besser da, denn wir sind mit einer deutlich grösseren Truppe angetreten, die im Schnitt zudem noch jünger ist und die auch die kommenden Jahre für gute Noten sorgen könnte. Allerdings droht hier bald ein grösserer Substanzverlust bei den Ü35ern.

Kugelstossen
Biel 2013: Note: 8,80 mit 6 Athleten (Durchschnittsalter: 33,5 Jahre)
Aarau 2019: Note: 8,59 mit 4 Athleten (Durchschnittsalter: 40,5 Jahre)

Der Blick auf das Durchschnittsalter macht unmissverständlich klar. Beim Kugelstossen ist seit Biel 2013 in Sachen Nachwuchsförderung nicht viel passiert bei uns. Es waren in Aarau plus minus die gleichen Athleten (einfach sechs Jahre routinierter) mit dabei, die während der letzten Jahre stets für solide Noten gesorgt haben. Diese Kontinuität ist zwar ein Plus, aber im Hinblick auf die Zukunft der Disziplin fehlt es an frischem Blut. Leider ist derzeit bei uns niemand in Sicht, der diese Lücke schliessen könnte. Das Kugelstossen dürfte so also über kurz oder lang von unserem Wettkampfprogramm verschwinden.

400/800 m
Biel 2013, 800 m: Note: 9,92 mit 7 Athleten (Durchschnittsalter: 31,6 Jahre)
Aarau 2019, 400/800 m: Noten: 9,40/8,96 mit 8 Athleten (Durchschnittsalter: 28,6 Jahre)

Die Note aus Biel war natürlich kaum zu toppen, obwohl die meisten Leistungsträger auch in Aarau nochmals am Start waren. Einige haben ihren Zenit (leider) überschritten, trotzdem dürfen sich die Leistungen am ETF 2019 noch immer sehen lassen. Positiv ist, dass der Altersschnitt tiefer liegt als vor sechs Jahren. Es ist also Potential vorhanden, damit wir über diese Distanzen theoretisch auch in den nächsten Jahren erfreuliche Noten erzielen können. Aber auch hier steht uns ein schmerzlicher Substanzverlust der Ü35er-Generation bevor, der schwer wiegt.

Hochsprung/Weitsprung
Aarau 2019, Hoch: Note: 8,38 mit 4 Athleten (Durchschnittsalter: 21,0 Jahre)
Aarau 2019, Weit: Note: 9,34 mit 7 Athleten (Durchschnittsalter: 26,9 Jahre)

2013 figurierten weder der Hochsprung noch der Weitsprung auf unserem Wettkampfblatt. Im Weitsprung reichten die Leistungen dazu nicht aus, Hochsprung haben wir nach einer zehnjährigen Abstinenz erst 2018 wieder ins Programm aufgenommen. Der Notenvergleich entfällt also. Aber nur schon die Tatsache, dass wir 2019 zwei zusätzliche Disziplinen am Start hatten, werte ich positiv. Zumal unsere Athleten in Aarau mit 9,34 die beste Untersiggenthaler Weitsprung-Note überhaupt erzielten. Das Team aus jungen und älteren Athleten war in Aarau voll auf der Höhe und brachte eine Topleistung. Der Weitsprung hat Zukunft, selbst wenn auch hier ein paar altermässige Abgänge anstehen.

Der Hochsprung hingegen befindet sich erst noch im Aufbaustadium, sowohl von der Note als auch vom Altersdurchschnitt der Athleten her. Es fehlt momentan noch etwas an der Breite, aber die Chancen für weitere Hochsprung-Einsätze am Vereinswettkampf stehen gut. Vor allem dem weiblichen Nachwuchs, sofern sie am Ball bleiben, traue ich künftig einiges zu.

Schlussfolgerungen

  • Im Kreisturnverband Baden sind wir der einzige verbliebene Verein mit einer starken Leichtathletik-Basis. Dank unseren zahlreichen Athletinnen und Athleten mit LV-Wettingen-Baden-Bezug (aktuell oder ehemalig) weisen wir ein überdurchschnittliches Leistungsniveau auf.
  • In der Breite sind wir gut aufgestellt, die Durchmischung von sehr jung bis sehr routiniert ist ein Plus und motiviert gegenseitig – im Training wie am Wettkampf. Die Erfahrung der Älteren ist unbezahlbar.
  • Mit nur einem regulären Training pro Woche haben wir unser Leistungs-Optimum praktisch ausgereizt. Noch bessere Leistungen sind nur mit zusätzlichen Trainings in kleineren Gruppen möglich. Dazu fehlt es uns aber an Platz und Leitern.
  • Hinzu kommt, dass unser Mittwochstraining nicht nur von Leichtathleten besucht wird, sondern von Leuten mit ganz unterschiedlicher sportlicher Herkunft. Das Leistungsniveau und die Motivation sind ebenfalls unterschiedlich. Die Trainingsgestaltung ist entsprechend anspruchsvoll. Dieser Mix ist jedoch gewollt und hat sich bis jetzt für den Aktivturnverein als Ganzes bewährt (Synergien LA/FTA).
  • Bedrohlich: Der Zahn der Zeit nagt unweigerlich an einigen unserer Leistungsträger. Hier steht uns in nächster Zeit ein gravierender Substanzverlust bevor, den wir nicht 1:1 kompensieren können. Einzelne Disziplinen werden darunter stärker als andere leiden – oder sogar verschwinden.
  • Erfreulich: Wir haben einige vielversprechende jüngere sowie ganz junge Athletinnen und Athleten mit Potential. Wir müssen aber noch mehr tun, um sie bei der Stange zu halten und sie leistungsmässig weiterzubringen.
  • Wir müssen wieder mehr Wettkämpfe bestreiten. Wir haben den Mehrkampf (LMM), die Basis der Vereinsleichtathletik, in den letzten Jahren vernachlässigt. Nur so bringen wir unsere Athleten ganzheitlich weiter.
  • Das Training steht und fällt mit den Leitern. Hier könnte mittelfristig ebenfalls ein Substanzverlust drohen.
  • Die Leichtathletik in Untersiggenthal lebt, aber sie ist eine Pflanze, die gehegt und gepflegt werden will.